Huddersfield steigt nach zwei Jahren wieder aus der Premier League ab



Am Ende dieser Geschichte, die als Märchen begonnen hat und zu einem Trauerspiel geworden ist, haben die Fans von Huddersfield Town noch einmal Grund zur Freude. Sie dürfen sich sogar ein bisschen lustig machen über das Unglück des Gegners.

Eine Stunde ist vorbei im letzten Heimspiel der Saison, das für den Klub aus West Yorkshire wegen des bereits seit Ende März feststehenden Abstiegs für längere Zeit das letzte Heimspiel in der Premier League sein wird, als Torwart Jonas Lössl einen Abschlag scharf nach vorne tritt. Manchester Uniteds Verteidiger Luke Shaw verschätzt sich, Angreifer Isaac Mbenza läuft allein auf David de Gea zu und tunnelt den Schlussmann zum 1:1-Endstand.

“We’ve scored a goal!”, singen die Zuschauer, um dieses seltene Ereignis zu würdigen. Und, in Richtung von Manchester United, das nach dem Unentschieden keine Chance mehr auf die Qualifikation zur Champions League haben wird: “You’re fucking shit!”

Der Humor ist den Fans von Huddersfield Town also noch nicht abhanden gekommen. Wenigstens das.

Der Aufstieg vor zwei Jahren mit Trainer David Wagner und einer kuriosen Truppe mit vielen einst in Deutschland aktiven, aber nicht besonders erfolgreichen Profis war eine Sensation. Der Klassenerhalt nach der ersten Saison eine noch größere. In der laufenden Spielzeit aber war Huddersfield chancenlos und wird als eine der schwächsten Mannschaften überhaupt in der Premier League in Erinnerung bleiben.

Vor zwei Jahren international kaum jemandem bekannt

Das Besondere an der Geschichte von Huddersfield Town ist, dass der Verein und die Stadt mit dem Aufstieg überhaupt erst auf die Landkarte gehoben worden, zumindest aus Sicht des breiten Publikums. Bis vor zwei Jahren hat vermutlich kaum ein Fußballfan außerhalb Englands von Huddersfield gehört. Durch den Abschied aus dem illustren Zirkel der Premier League verschwindet Huddersfield wieder von der Karte. Für die Einheimischen, die stolz sind auf ihren Klub, ist das kein Drama. Im Gegenteil: Viele von ihnen sind erleichtert über den Abstieg.

Darren Hallas, 54 Jahre alt, ist nach eigenen Angaben schon sein ganzes Leben Huddersfield-Fan. Er erinnert sich noch, wie der Verein 45 Jahre vor dem Aufstieg zum letzten Mal erstklassig gespielt hat. Mittlerweile geht er mit seiner Enkeltochter ins Stadion. “Die vergangenen Monate waren nicht lustig. Ich bin ganz froh, aus der Premier League raus zu sein”, sagt er.


Langjähriger Huddersfield-Fan Darren Hallas (r.) mit seiner Enkeltochter


Hendrik Buchheister/ SPIEGEL ONLINE

Langjähriger Huddersfield-Fan Darren Hallas (r.) mit seiner Enkeltochter

Natürlich, er hat es genossen, dass Klubs wie Manchester City, Manchester United oder der FC Liverpool in Huddersfield zu Gast waren. Doch es ist ihm lieber, künftig wieder gegen Middlesbrough, Preston North End und Millwall zu spielen, in der zweiten Liga, der Championship. “Ich freue mich, künftig wieder in einer Liga zu sein, in der wir mithalten können”, sagt er.

“Hud-ders-field? Was ist das?”

Immerhin, durch die beiden Jahre in der Premier League hat Huddersfield an Bekanntheit gewonnen. Das hat Darren Hallas selbst festgestellt. Vor dem Aufstieg sei er im Urlaub im Ausland immer gefragt worden, was er da für ein blau-weiß gestreiftes Trikot trage, berichtet er: “Die Leute haben gefragt: Hud-ders-field? Was ist das? Jetzt wissen sie es.”

Der Verein war immer Außenseiter. In der Premier League ohnehin, aber auch schon in der zweiten Liga, auch im Jahr des Aufstiegs. Es ist nicht ganz klar, ob das in der kommenden Saison anders sein wird. “Ich hatte gehofft, dass wir an Profil gewinnen. Ich dachte, dass wir jetzt in der Championship als größerer Verein gesehen werden, wegen unserer Erfahrung in der Premier League. Aber ich bin nicht sicher, ob das der Fall ist”, sagt John Shaw, 58 Jahre alt, der mit seiner Frau und seiner Tochter zum Fußball geht. Möglicherweise wird Huddersfield so schnell nicht über den Außenseiterstatus hinaus kommen. Dazu war die Saison in der Premier League zu verheerend.


Huddersfield-Fan John Shaw (l.) mit seiner Familie.


Hendrik Buchheister/ SPIEGEL ONLINE

Huddersfield-Fan John Shaw (l.) mit seiner Familie.

Den Klub umgibt große Ungewissheit bei der Rückkehr in die zweite Liga. Besitzer und Vorstand Dean Hoyle, ein Volksheld in Huddersfield, zieht sich zurück. Die Mannschaft steht vor einem Umbruch. Der deutsche Trainer Jan Siewert, der Anfang des Jahres den erschöpften Wagner ersetzte, hat bislang nicht nachweisen können, der richtige Mann für den Neustart zu sein. Es schleppt den Makel von zwölf Niederlagen aus 14 Spielen mit sich herum. Angeblich hat er sich mit Teilen des Kaders überworfen. An der Seitenlinie macht er einen zornigen Eindruck. Nach der Partie gegen United, seinem Höhepunkt als Huddersfield-Trainer, sagt er: “Das ist eine Reise. Wir stehen zusammen, um voran zu kommen.”


Trainer Jan Siewert (l.) übernahm Huddersfield Anfang des Jahres


Alex Livesey / Getty Images

Trainer Jan Siewert (l.) übernahm Huddersfield Anfang des Jahres

Die Aufmerksamkeit für Huddersfield wird kleiner mit dem Abstieg. Das deutsche Publikum wird sich künftig für Norwich City interessieren, den nächsten Verein, der mit einem deutschen Trainer und vielen Profis mit Bundesliga-Vergangenheit in die Premier League aufgestiegen ist. Aber die Fans werden weiterhin kommen. Sie werden hoffen, dass sie in der Championship mehr Tore bejubeln dürfen. Und dass sie sich öfter über das Unglück des Gegners lustig machen dürfen, wie gegen Manchester United.

In dieser Saison, am traurigen Ende dieses einstigen Märchens, hat man sich meistens über Huddersfield Town lustig gemacht.



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