Aimbots, Matchfixing, Doping: Cheater-Jagd im ESport




Ein kleines Ratespiel zum Start: Sagt Ihnen der Begriff “GOURANGA” etwas? Nein? Wie wäre es mit “RSJABBER” oder “GODOFGTA”? Auch nicht? Sie scheinen Ihre Lebenszeit Anfang dieses Jahrtausends wohl mit nützlicheren Dingen verbracht zu haben, als mit Computerspielen. Das ist löblich, führt aber zu einer Wissenslücke.

Hätten Sie mehr gespielt, könnten Sie sagen, dass man mit GOURANGA den Cheat-Modus beim Actionspiel Grand Theft Auto II aktiviert. Und dass man in dem Spiel, das mit seinen diversen Nachfolgern bis heute mehr als 200 Millionen Mal verkauft wurde, dank GODOFGTA sofort alle Waffen zur Verfügung hat – ohne sie mühsam einzusammeln.

Der Betrug, das Cheating, gehört fest zur Computerspiel-DNA. Schließlich waren es zunächst die Hersteller selbst, die die kleinen Tricks in den Spielecode einarbeiteten. Später sorgten dann raffinierte Programmierer dafür, dass der Mauscursor in Egoshootern direkt auf den Kopf der Gegner zielte (Aimbots) oder man die Feinde durch Wände hindurch sehen konnte (Wallhacks).

Hier können Sie sehen, wie Aimbots und Wallhacks funktionieren:

Aus Computerspielen ist mittlerweile der mächtige eSport erwachsen – und in dieser Branche, in der es um Milliarden geht, sieht man Betrügereien nicht mehr ganz so locker. Statt im Singleplayermodus etwas mehr ballern zu können, hat beim Multiplayer-Cheating schließlich immer jemand das Nachsehen. Und das gefährdet das Geschäft.

“Mit dem enormen Wachstum einer lukrativen Branche gehen auch gleichzeitig größere Herausforderungen einher. Man kann in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld verdienen”, sagt Christopher Flato von der ESL. Die ESL ist einer der größten Ausrichter von Live-Turnieren der Welt.

Geld ist tatsächlich reichlich vorhanden im eSport: 28,53 Millionen Dollar Preisgeld wurden im vergangenen Jahr beim Dota-2-Turnier “The International” ausgeschüttet. Zum Vergleich: Beim letztjährigen Tennisturnier von Wimbledon gab es 38,65 Millionen Euro. Beim Masters-Golfturnier in Augusta, das Tiger Woods gewann, wurden insgesamt elf Millionen Euro ausgezahlt.

Die eSport-Prämien können mit den Preisgeldern des klassischen Sports mithalten. Kein Wunder also, dass die Topstars der eSport-Szene Multimillionäre sind. Auch der Zuschauermarkt ist enorm. 2016 generierten die Counter-Strike-Events der fünf größten Veranstalter beim Online-Streaminganbieter Twitch rund 185 Millionen Zuschauerstunden.

Durch den Metalldetektor zum Spiel

Der Anreiz, viel Geld – vielleicht auch auf illegalem Weg – damit zu verdienen, ist also da – aber wie verhindert man den Betrug? Bei Live-Turnieren ist das etwas einfacher als bei Online-Matches. “Die Spieler bringen nur Maus, Tastatur und Kopfhörer mit. Alles andere stellen wir. Vor der Bühne steht ein Metalldetektor, die Spieler dürfen keine Handys oder USB-Sticks mitnehmen”, sagt Flato. Die Festplatten, die ebenfalls gestellt werden, würden nach dem Wettkampf eingesammelt und vom League-Administrator auf sämtliche unerlaubte Änderungen überprüft.

Und dennoch gibt es immer wieder Betrugsversuche: Im vergangenen Jahr wurde der Counter-Strike-Spieler Forsaken, bürgerlicher Name Nikhil Kumawat, des Teams OpTic India dabei erwischt, wie er versuchte, mithilfe eines Programms zu betrügen. Während der Liveübertragung zog ihm der Schiedsrichter die Hände von der Tastatur weg. Forsaken versuchte noch, den Hack zu löschen – doch es gelang ihm nicht. Er wurde für fünf Jahre gesperrt.

Der Fall war deshalb so kurios, weil es sehr selten ist, dass Spieler bei Live-Events erwischt werden. Als viel verbreiteter sehen Experten das Matchfixing an – vor allem im Onlinebereich. Mit Wetten auf den Ausgang der Spiele lässt sich wie auch im Fußball viel Geld verdienen. Laut der letztjährigen Umfrage eSports Survey befürchten 71 Prozent der befragten Profi-eSportler, dass die Möglichkeit auf Spiele zu wetten Matchfixing nach sich zieht.

Schalke-Boss bleibt entspannt

Übrigens: Wird ein Spieler des vorsätzlichen Schlechtspielens verdächtig, wird schnell von der Nummer 322 gesprochen, diese Zahlenkombination flutet dann die sozialen Netzwerke – eine “Hommage” an den Russischen Dota-2-Spieler Aleksey “Solo” Berezin , der bei einem Event gegen sein eigenes Team wettete und so 322 Dollar gewann.

Tim Reichert, Chef der eSportler von Schalke 04, sieht das Thema Wettbetrug entspannt: “Dank der Möglichkeiten, mit Wettradar-Unternehmen nach auffälligen Einsätzen zu suchen, ist das Risiko überschaubar.” Auf Schalke habe es noch keinen Betrugsfall gegeben.

Ian Smith von der eSport Integrity Coalition (Esic), die bei vielen eSport-Live-Events Betrügereien ermittelt und verhindern soll, sieht das Problem vor allem bei niedrigklassigen Turnieren oder bei jungen Athleten aus der zweiten oder dritten Reihe. “Das Problem ist besonders dort groß, wo die Athleten noch nicht so viel Geld verdienen und um ihr sportliches Überleben kämpfen.”

2015 wurde auch Doping zum Thema in der eSport-Szene. Ein aufsehenerregendes Interview des Counter-Strikespielers Kory “Semphis” Friesen stellte die ganze Branche unter Verdacht. Er und andere Mitglieder seine Ex-Teams Cloud9 hätten Adderall eingenommen, ein Medikament, das die Konzentration steigert. Einen Beweis für die Vorwürfe blieb er schuldig.

Hier können Sie das Interview von “Semphis” anschauen:

Die ESL war aufgeschreckt und suchte den Austausch mit der Welt-Anti-Doping-Agentur und der deutschen Nationalen Anti-Doping-Agentur. Doch viele der Mittel, die auf deren Verbotslisten standen, waren im eSport nicht praktikabel, sagt Flato. “Seit zwei Jahren gibt es eine Liste mit Substanzen, die im eSport potenziell leistungssteigernd wirken könnten. Bisher gab es noch keine positiven Befunde.”

Die Tests werden von Smiths Team der Esic durchgeführt – die Nada betreibt nur Aufklärungsarbeit. Während der Live-Events der ESL werden Speichelproben genommen, auf Blutproben verzichtet man hingegen. “Wir führen 30 bis 40 Tests pro Turnier durch”, sagt Smith.

“Wilder Westen”

Nicht alle Veranstalter führen Dopingtests durch, bei Online-Wettkämpfen ist dies ohnehin nicht möglich. Gerade hier werden viele Missbräuche vermutet. “Viele Publisher und Turnierbetreiber testen gar nicht. Die haben kein Interesse daran, dass einer ihrer Stars des Dopings überführt wird”, sagt Smith. Flato von der ESL formuliert die Herausforderung so: “Der eSport ist in vielen Bereichen noch Wilder Westen.”

Man muss also wohl von einer großen Zahl an unentdeckten Betrügereien ausgehen. Werden die Betrüger jedoch einmal erwischt, können die Konsequenzen drastisch sein. Bei Schalke droht eine fristlose Kündigung, die ESL sperrt Cheater mehrere Jahre – und für all ihre Events.

Schlimmer würde aber der Reputationsverlust wiegen, sagt Flato. “Das Internet vergisst nichts. Im Grunde sind Spieler, die des Wettbetrugs oder Cheatings überführt wurden, für ihr Leben gezeichnet.”



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