NBA-Playoffs: Nikola Jokic im Portrait – Das Zentralmassiv




In den Playoffs der US-Basketballliga NBA bestehen nur die Besten, und dabei steht oft eine Frage im Mittelpunkt: Welcher Star kann sein Team auch gegen eingespielte Titelkandidaten in einer Best-of-Seven-Serie zum Erfolg führen? Einer, der dazu in der Lage ist, ist der Center der Denver Nuggets: Nikola Jokic, 2,13 Meter groß und 113 Kilogramm schwer.

In der ersten Runde gegen die San Antonio Spurs war der 24-Jährige der wichtigste Mann auf dem Feld. Als zentraler Spielmacher gibt er den Mannschaftskollegen Sicherheit und bringt sie mit seinen Zuspielen immer wieder in aussichtsreiche Positionen. Nuggets-Coach Mike Malone sagte nach dem letzten Duell und dem Weiterkommen, er könne Jokic nie rausnehmen: “Sogar wenn er keine Würfe trifft, hat er enormen Einfluss auf das Spiel.”

Dass Jokic aber auch ein starker Werfer ist, zeigte er dann im ersten Spiel der zweiten Runde. Mit 37 Punkten war er Topscorer beim Heimsieg gegen die Portland Trail Blazers, die in ihren Reihen verletzungsbedingt keinen passenden Gegenspieler für Jokic haben.

Doch, so ehrlich muss man sein, Jokics Stärken liegen eigentlich nicht im Abschluss: In der Nuggets-Offensive fungiert er als Dreh- und Angelpunkt und ist an nahezu allen Angriffen beteiligt – oft, ohne selbst abzuschließen. Für seine Position ist das äußerst ungewöhnlich.

Die größten Spieler spielen im Basketball traditionell als Center, in der Mitte und nah am Korb. Doch Größe allein hat noch keinem Profi zum Erfolg in der NBA verholfen. Entweder handelte es sich um Riesen wie Shaquille O’Neal, die in der Offensive kaum zu stoppen waren oder um Defensivspezialisten wie Patrick Ewing und David Robinson. Stark und schnell waren sie alle – Superathleten in der Mitte eben. Weltklasse-Center mit Finesse waren jahrzehntelang eine Seltenheit.

Im Jahr 2019 sieht das anders aus. Die beiden besten Center der Liga sind Joel Embiid und eben Nikola Jokic. Embiid von den Philadelphia 76ers ist ein Elite-Verteidiger und profitiert im Angriff von seinen flinken Füßen und Athletik. Sein Kollege von den Denver Nuggets, Jokic, hat eher die Sprungkraft eines Baums, er ist ziemlich unbeweglich. Dafür ist er einer der besten Passgeber in der NBA.

Drei Liter Cola pro Tag

Und er ist noch immer entwicklungsfähig. Mit 24 Jahren spielt Jokic seine erst vierte Saison in Denver. Die ersten drei Jahre seiner Profikarriere hatte der Serbe in seiner Heimat bei KK Mega Basket verbracht, bevor er 2015 von den Nuggets an 41. Stelle bei der NBA-Draft gezogen wurde. Dass er so weit durchrutschte, ist im Rückblick nachvollziehbar. Jokic sieht nicht gerade aus wie ein Spitzenathlet, damals erst recht nicht. Vor kurzem tauchte bei Twitter ein altes Passfoto von ihm auf:

Tatsächlich wirkt er leicht übergewichtig. In einem “ESPN”-Interview erzählte er 2017 von seinem täglichen Cola-Konsum vor seiner Ankunft in den USA: “Vielleicht drei Liter oder so. Es war viel.” Auf seinem Flug nach Denver 2015 hätte er aber zum letzten Mal Cola getrunken. Eine gute Form kann man ihm mittlerweile nicht absprechen. Von definierten oder zumindest deutlich sichtbaren Muskeln wie bei vielen seiner NBA-Kollegen kann aber keine Rede sein.

In der ersten Playoff-Serie seiner NBA-Karriere führt Jokic die Nuggets an, und steht aktuell 1:0 in Führung gegen Portland mit Damian Lillard. In der Nacht auf Donnerstag gibt es das zweite Aufeinandertreffen. Über die bisherigen acht Partien hinweg kommt Jokic bislang auf 24,9 Punkte und 11,8 Rebounds im Schnitt – eigentlich nur solide Werte für einen Star-Center. Die 8,8 Assists pro Spiel machen Jokic besonders.

Erinnerungen an Nowitzki

Jokic ist nicht der erste unathletische Big Man – so werden heutzutage Power Forwards und Center zusammengefasst – aus Europa, der mit seinem ganz eigenen Spielstil auftrumpft: Dirk Nowitzki revolutionierte in den Nullerjahren den Basketball. Damals probierten die großen Spieler selten Dreipunktewürfe, um nicht zu sagen nie. Heute hinterlässt der 40-Jährige eine Liga, in der ein schwacher Distanzwurf jedem Spieler – unabhängig von seiner Größe – als Manko angestrichen wird.

Auch Jokic könnte eine Vorreiterrolle einnehmen: In den vergangenen 50 Jahren verteilte nur viermal ein Center mindestens 15 Assists in einem Spiel. Alle vier Partien gehen auf Jokics Konto. In dieser Saison gingen 37,1 Prozent aller Körbe von Denver ein Zuspiel von Jokic voraus. Außer ihm kamen 19 andere Spieler mit mindestens 50 Einsätzen auf einen Wert von 30 Prozent oder mehr. Bis auf Giannis Antetokounmpo mit 2,11 Meter ist keiner so groß wie Jokic.

Für das Spiel der Denver Nuggets ist Jokic der Schlüssel. Um ihn herum strotzt der Kader vor vielseitigen, talentierten Spielern, die seine Pässe verwerten können. Mit Jokic als Gestalter gewann das Team in der regulären Saison die zweitmeisten Partien in der Western Conference und gilt als Titelkandidat. Je erfolgreicher Jokic, desto wahrscheinlicher auch, dass der Serbe in einigen Jahren eine neue Generation von spielmachenden Center prägen wird.

Der Coach der San Antonio Spurs war in der ersten Playoff-Runde jedenfalls beeindruckt. “Er ist großartig, einfach großartig”, sagte der 70-jährige Gregg Popovich, einer der wichtigsten Trainer der NBA-Geschichte, über Jokic. Ein größeres Lob kann man eigentlich nicht bekommen.



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