FDP-Parteitag in Berlin: Ist Lindner jetzt kein Star mehr?


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Christian Lindner steht jetzt nicht mehr allein im Mittelpunkt.

(Foto: imago images / Christian Spicker)

Die Zustimmung zu Christian Lindner in der FDP ist nach wie vor hoch, aber allein im Mittelpunkt steht das Aushängeschild der Liberalen nicht mehr. Er selbst scheint das nicht schlimm zu finden.

FDP-Chef Christian Lindner ist auf dem Parteitag der Liberalen in Berlin mit 86,64 Prozent der Stimmen als Vorsitzender im Amt bestätigt worden. Vor zwei Jahren hatten noch 91 Prozent der Delegierten für ihn gestimmt, vor vier Jahren waren es sogar 92,4 Prozent. Lediglich bei seiner ersten Wahl im Dezember 2013 war sein Ergebnis mit 79 Prozent deutlich schlechter.

Lindner selbst bedankt sich nach der Wahl für “ein tolles Ergebnis”. Aber ganz so toll ist es nicht, wenn man mehr als vier Prozentpunkte verliert. Ist der Vorsitzende nicht mehr der unumstrittene Star der FDP? “Knapp 87 Prozent sind nach wie vor eine sehr hohe Zustimmung”, sagt die Vorsitzende der Jungen Liberalen, Ria Schröder, am Rande des Parteitags. Der Wiederaufbau der Fraktion sei automatisch mit einer personellen Verbreiterung einhergegangen. “Deshalb steht Christian Lindner jetzt nicht mehr allein im Mittelpunkt.”

Man wird davon ausgehen können, dass Lindner selbst diese Entwicklung als Erfolg ansieht. “Das zeigt doch, dass die FDP nicht nur aus einer Person besteht, sondern aus vielen”, so Schröder, die Lindners Äußerung, Klimaschutz sei eine Sache für Profis, unlängst deutlich kritisiert hat. “Bei allen Differenzen, die es zwischen JuLis und FDP gibt, sehen wir, dass die FDP gut dasteht.” Ihr gefällt besonders, dass Lindner sagt, die Erneuerung der FDP sei noch nicht zu Ende.

“Pscht!”

Die neue Rolle, die Lindner in der FDP spielt, war auf dem Parteitag deutlich zu spüren. Das chinesische Motto hinter dem Tagungspräsidium war sogar noch exzentrischer als frühere Parteitagsslogans. Aber die Atmosphäre am Freitag war eher geschäftig-solide. Lindner ist kein Erlöser mehr, der die FDP aus der Bedeutungslosigkeit zurück ins Parlament führen soll, sondern ein fast normaler Parteichef. Während seiner Rede, deren zentrale Themen die Berliner Enteignungsinitiative, die FDP-Pläne zum Klimaschutz und die Rolle der Frauen in der FDP waren, kam es vor, dass Delegierte sich unterhielten, wenn das Getuschel auch nicht so laut war wie sonst fast durchgehend – Freidemokraten scheinen kommunikative, aber nicht unbedingt disziplinierte Menschen zu sein. Eines der am häufigsten gehörten Geräusche dieses ersten Tages war jedenfalls das eindringliche “Pscht!” vom Parteitagspräsidium.

Der Erfolg, für den Lindner steht, ist nach wie vor unbestritten, aber er ist eben auch zwei Jahre her. Bei der Bundestagswahl 2017 erreichte die FDP 10,7 Prozent und lag damit rund zwei Punkte vor den Grünen. Aber in den Sonntagsfragen hat sie sich, im Gegensatz zu den Grünen, seither nicht verbessert. Im RTL/n-tv Trendbarometer lagen die Liberalen zuletzt bei 9 Prozent. Das ist kein schlechter Wert, doch Wachstum sieht anders aus.

“Viele Angehörige des klassischen Mittelstands in Deutschland haben 2017 – anders als 2013 – wieder der FDP ihre Stimme gegeben”, erklärt Forsa-Chef Manfred Güllner gegenüber n-tv.de das damalige Comeback und die seitherige Stagnation. “Erwartet haben sie von den Liberalen, dass sie in der neuen Bundesregierung die Interessen der Handwerker, kleinen Unternehmer, Freiberufler und leitenden Angestellten vertreten würde. Doch durch die Weigerung der FDP, sich an einer Regierung zu beteiligen, sind viele der mittelständischen Wähler wieder von der Partei enttäuscht, denn in der Opposition kann die FDP wenig für ihre Stammklientel bewirken. Die FDP liegt deshalb in den Umfragen zwar noch immer über der Fünfprozenthürde, aber deutlich unter ihrem Ergebnis von 2017.”

Kubicki sind die Grünen “scheißegal”

Anders als die FDP hätten die Grünen es nach 2017 geschafft, “über ihre Stammwählerschaft – den ‘Alt-Grünen’ – hinaus neue Wählerschichten aus der gesamten liberalen Mitte der Gesellschaft für sich zu gewinnen”, so Güllner weiter.

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Die FDP-Mitglieder erleben auf dem Parteitag einen gewohnt schlagfertigen Christian Lindner.

(Foto: imago images / photothek)

Für Euphorie besteht also kein Anlass, für ein gewisses Selbstbewusstsein schon. In der Geschichte der Bundesrepublik habe es keine Phase gegeben, in der die FDP über eine Dauer von zwei Jahren so stabil gewesen sei, sagte FDP-Vize Wolfgang Kubicki bei n-tv. Die Grünen dagegen seien seit 2005 die kleinste Fraktion im Bundestag, “und ich werde daran arbeiten, dass sich das wiederholt”. In seiner kurzen Bewerbungsrede auf dem Parteitag wiederholte er diese Einschätzungen und fügte hinzu, Erfolge oder Misserfolge der Grünen seien ihm “scheißegal”.

Wahrscheinlich gibt es einen weiteren Grund, warum das Verhältnis zwischen Lindner und seiner Partei sich verändert hat. Fast die Hälfte der aktuellen FDP-Mitglieder ist in der Zeit seines Vorsitzes eingetreten. Für sie ist er nicht der Retter der alten FDP, sondern eher der Impuls für ihren Eintritt. Das ist nicht wenig, verpflichtet aber nicht zu ewiger Dankbarkeit. “Die Freien Demokraten heute sind mehr und andere als damals”, sagt Lindner selbst.

Keine 59 Prozent für Nicola Beer

Einen Satz aus dem Artikel des “Spiegel”, dem dieses Zitat entstammt, scheint er sich zu Herzen genommen zu haben: “Lindner reagiert zwar immer schlagfertig, aber er strahlt dabei die Kälte der vermeintlichen Überlegenheit aus”, diagnostizierte das Nachrichtenmagazin. In seiner Rede auf dem Parteitag in Berlin gab es diese Momente überlegener Schlagfertigkeit auch.

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Nicola Beer wird von weniger als 59 Prozent der Parteimitglieder in ihrem Amt bestätigt.

(Foto: imago images / Metodi Popow)

Wie immer las Lindner seine Rede nicht ab, sondern orientierte sich bloß anhand von Stichworten. Aber er verzichtete auf ein Trommelfeuer von Pointen. Seine Angriffe auf den politischen Gegner wirkten mitunter pflichtschuldig. Das heißt nicht, dass es eine schlechte Rede war. Aber es war eben auch keine typische Christian-Lindner-Rede. Erkennbar ging es dem Vorsitzenden darum, die FDP als Team darzustellen, den Erfolg der Liberalen als Teamleistung.

Normalität also. Sein Vize Kubicki erhielt übrigens knapp 85 Prozent, die bisherige Generalsekretärin Nicola Beer, die als Spitzenkandidatin ins Europaparlament geschickt wird, kam nur auf 58,55 Prozent. Ihr Ergebnis war mit Spannung erwartet worden, weil ihretwegen die Bundestagsabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann auf ihren Platz im Präsidium verzichten musste. Und obwohl Beer als designierte Vorsitzende der FDP-Gruppe im Europaparlament ohnehin durch ihr neues Amt im FDP-Präsidium gesessen hätte. So etwas mögen Delegierte nicht. Aber auch das ist normal.



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