Dubiose Kunden in Dubai?: Die geheimen Geldquellen von Wirecard


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“Haben wir Fehler gemacht? Natürlich”, sagt Wirecard-Chef Markus Braun.

(Foto: REUTERS)

Frisierte Bilanzen, Leerverkäufe und Spekulationsattacken – solche Schlagzeilen will Wirecard nicht länger produzieren. Prompt kommt die nächste Enthüllungsgeschichte: Diesmal geht es um ein unbekanntes Firmen-Trio, das dem Zahlungsdienst fragwürdige Gewinne bescheren soll.

Nach dem kürzlich aufgehobenen Leerverkaufsverbot durch die Bafin sollte eigentlich Ruhe bei Wirecard einkehren. Nach einer Serie von Berichten über finanzielle Unregelmäßigkeiten und Betrugsvorwüfen in Singapur wollte das Unternehmen die Bedenken verunsicherter Anleger zerstreuen: Die Zahlen für 2018 sehen gut aus und auch der Einstieg des japanischen Mischkonzerns Softbank kommt bei Marktteilnehmern gut an.

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Alles wäre gut, wenn nicht mitten in die Aktienrally ein neuer Enthüllungsartikel der “Financial Times” (FT) platzen würde. Die britische Zeitung hatte dem Zahlungsanbieter und seinem Aktienkurs seit Ende Januar bereits mit einer Reihe kritischer Berichte zugesetzt. Wieder steht die Frage im Raum: Woher stammen die hohen Margen von Wirecard?

Laut internen Dokumenten, die der Zeitung zugespielt wurden, soll 2016 nicht weniger als die Hälfte der Umsätze und fast der gesamte Betriebsgewinn von drei Geschäftspartnern beigesteuert worden sein: Senjo aus Singapur, Al Alam aus Dubai und PayEasy Solutions aus den Philippinen. Ein Großteil der Gewinne dieser Partner sei 2016 und 2017 über die größte Wirecard-Tochter Card Systems Middle East in Dubai gebucht worden, schreibt die Zeitung. Doch die Bücher dieser Firma seien im Unterschied zur Wirecard-Bilanz, die von Ernst & Young geprüft wurde, nicht testiert worden.

Die größte “Cash Cow” unter den Drittanbietern soll laut dem Bericht Al Alam Solutions sein. Das Geschäftsmodell funktioniert laut FT wie folgt: Wirecard vermittelt Kunden an die Firma in Dubai und kassiert im Gegenzug eine Provision. Laut Whistleblowern sei der Chef des Wirecard-Partners, Oliver Bellenhaus, ein deutscher Manager, der die Firma aus seinem Apartment im Burj Khalifa, dem höchsten Wolkenkratzer der Welt, leite. Laut Recherchen der Zeitung soll Al Alam in Dubai jedoch praktisch ein leeres Büro sein. Bei Stippvisiten während der Geschäftszeiten sei es allenfalls von ein oder zwei Mitarbeitern besetzt gewesen. Und einmal sei sogar niemand vor Ort gewesen.

Wie aus einer internen Aufstellung der Münchener Wirecard-Buchhaltung hervorgeht, sollen Al Alam, Senjo in Singapur und PayEasy auf den Philippinen laut der Zeitung allein 2016 ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen in Höhe von 290 Millionen Euro erwirtschaftet haben – 95 Prozent des gesamten Wirecard-Betriebsgewinns. Zudem sollen die drei Firmen einen Umsatz von 541 Millionen Euro beigesteuert haben – rund die Hälfte aller Wirecard-Erlöse. Über die Tochter Card Systems seien über fünf Jahre summiert 600 Millionen Euro in die Kassen des deutschen Unternehmens geflossen, zitiert die Zeitung weiter aus den Unterlagen.

Dass ein Finanzdienstleister wie Wirecard mit Drittanbietern zusammenarbeitet, ist nicht ungewöhnlich. Auch andere Anbieter der Branche machen das so: Entweder weil sie keine Lizenz für das betreffende Land haben oder weil andere Risiken bestehen. Wirecard hat bereits 100 externe Partner publik gemacht.

Dubiose Geschäfte fernab von Wirtschaftsprüfern?

Was aber überrascht, ist, wie wichtig diese drei Firmen für Wirecards Geschäfte sind. Eigentlich wollte das Unternehmen das Geschäft mit Drittanbietern sukzessive zurückfahren und den Umsatz mit Firmen aus heiklen Bereichen wie Porno oder Glücksspiel eindampfen: Laut FT tauchen als Kunden beim Wirecard-Partner Al Alam nun jedoch russische Zahlungsabwickler, eine Glücksspielseite und verschiedene Online-Marketing-Agenturen auf. Werden hier doch dubiose Geldgeschäfte verschleiert?

Verwirrung stiftet auch, ob die Wirecard-Tochter in Dubai nun geprüft wurde oder nicht. “Alle Tochtergesellschaften von Wirecard, einschließlich Card Systems Middle East, unterliegen regelmäßigen Auditverfahren, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Quartals- und Jahresabschlussprüfungen”, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. 2017, als Ernst & Young der Konzernabschlussprüfer war, seien mehrere Tochtergesellschaften von anderen Unternehmen geprüft worden. Wer das war, sagt Wirecard aber nicht. Laut FT sollen zumindest die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young seit 2016 keine Konten mehr bei Wirecard in Singapur abgezeichnet haben.

Prem Sikka, Professor für Rechnungswesen an der University of Sheffield, vermutet ein Versagen der Wirtschaftsprüfer: “Ernst & Young hätte die nötigen Nachforschungen anstellen müssen”, zitiert ihn die Zeitung. Stattdessen erteilten die Bilanzkontrolleure dem Zahlungsdienstleister laut Geschäftsbericht ein uneingeschränktes Testat für das Jahr 2018.

Und noch etwas strapaziert die Geduld der Investoren: Laut FT laufen Wirecard in Singapur weiter strafrechtliche Untersuchungen gegen Wirecard wegen mutmaßlichen Rechnungsbetrugs und Geldwäsche. Im Jahr 2016 sollen zwei leitende Angestellte von Senjo einem Wirecard-Mitarbeiter, gegen den die Polizei in Singapur ermittelt, geholfen haben, einen rückdatierten Vertrag zu einem Softwareverkauf zu fingieren. Ob es sich in dem Fall um Fehlverhalten Einzelner oder möglicherweise eine Systematik handelt, ist weiter unklar.

Wirecard-Chef Braun: “Wir sind stark in der Lernkurve”

Wirecard-Chef Markus Braun hakt den Vorfall trotzdem bereits ab: “Wir haben keinerlei Anzeichen für ein vorsätzliches Handeln gefunden.” Tatsächlich hatte die von Wirecard in Auftrag gegebene Untersuchung einer Singapurer Anwaltskanzlei ergeben, dass es in dem südostasiatischen Inselstaat durchaus Gesetzesverstöße gegen Bilanzierungsvorschriften im einstelligen Millionenbereich gab, allerdings weniger gravierend als in früheren Berichten der FT dargestellt.

Braun räumte bei der Bilanzvorlage jedoch Fehler ein und gelobte Besserung. “Wir haben Qualitätsmängel im buchhalterischen Bereich”, sagte Braun auf der Bilanz-Pressekonferenz. Diese wolle man abstellen. Bei Wirecard gehe es um Innovation und Expansion, aber natürlich müsse man auch bei Prozessen wie Auditing und Qualitätskontrolle nachziehen. “Haben wir Fehler gemacht? Natürlich.” Wirecard sei aber sehr stark in der Lernkurve. Eine Task Force im Unternehmen soll nun sicherstellen, dass sich Verstöße nicht wiederholen. So recht trauen die Anleger den Ankündigungen allerdings nicht: Der Kurs rauschte am Donnerstag bis zu fünf Prozent in den Keller.



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