Regeln bei Integrationskursen: Wer nicht mitschreibt, kann bestraft werden


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Flexibel Alltagsprobleme bewältigen – das ist das Ziel des Sprachniveaus B1.

(Foto: picture alliance / Sophia Kembow)

Jeder zweite Zuwanderer, der erstmals einen Integrationskurs besucht, verpasst das Kursziel. Wer das Sprachniveau B1 nicht erreicht, darf den Kurs wiederholen. Doch wer einfach nicht zur Prüfung erscheint, kann auch sanktioniert werden.

Wenn Zuwanderer ihren verpflichtenden Integrationskurs schwänzen oder zur Prüfung nicht antreten, können sie sanktioniert werden. Das bedeutet etwa die Kürzung des Hartz-IV-Satzes oder der Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Bestraft wird jedoch nicht, wer durch die Prüfung fällt. Das sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums ntv.de. Hintergrund ist eine schriftliche Anfrage der AfD zu den Kursen.

Grundsätzlich können Migranten den Kurs wiederholen oder in eine andere Sprachmaßnahmen wechseln, etwa die berufsbezogene Sprachförderung der Arbeitsagentur und des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Das erklärte Ziel sei schließlich der Berufseinstieg – und dafür brauche es ein ausreichende Sprachkenntnisse, sagte der Sprecher. “Wir haben ein Interesse daran, dass die Migranten in den Arbeitsmarkt integriert werden.” Und neben der Sanktion gibt es auch einen Anreiz: Wer freiwillig an einem Kurs teilnimmt und besteht, kann sich schneller einbürgern lassen, teilt das Bamf mit.

Viele Menschen müssen zuerst Lesen und Schreiben lernen

Tatsächlich bestehen immer weniger Migranten ihren Deutschtest im Rahmen der Kurse mit Sprachniveau B1. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf die schriftliche AfD-Anfrage hervorgeht, haben im vergangenen Jahr 51,5 Prozent der 172.471 Migranten, die erstmalig am Deutschkurs teilnahmen, das Kursziel “Sprachniveau B1” nicht erreicht. Im Vorjahr waren es rund 48 Prozent. Im Jahr 2016 hatten knapp 38 Prozent der Teilnehmer beim ersten Mal das Kursziel verfehlt. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2018 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – waren jedoch ein Drittel der neu begonnenen Kurse Alphabetisierungskurse, deren Lehrplan einen Abschluss mit A2 vorsieht.

In anderen Ländern, etwa in Frankreich, seien geringere Sprachkenntnisse, nämlich das Niveau A2 nötig, um vergleichbare Integrationskurse erfolgreich zu absolvieren. “Hierzulande haben wir einen hohen Anspruch an die sprachliche Bildung, die den Schlüssel zur gesellschaftlichen Integration bildet”, sagte ein Sprecher des Innenministeriums ntv.de. “Das bedeutet auch, dass nicht jeder dieses Ziel auf Anhieb erreicht. Dies gilt in besonderem Maße für – insbesondere geflüchtete – Analphabeten.”

Wer den “Deutsch-Test für Zuwanderer” mit B1 abschließt, weist laut Bamf nach, dass er auf der unteren Stufe des Bereichs “Selbstständige Sprachverwendung” Probleme des Alltags flexibel bewältigen kann: Indem er zum Beispiel ein Gespräch aufrecht erhält und in alltäglichen Situationen ausdrücken kann, was er sagen möchte. Bei A2 können Personen häufig gebrauchte Ausdrücke und Sätze verstehen und sich in einfachen Situationen verständigen.

Psychische Erkrankungen können das Lernen erschweren

“Es heißt nicht, dass jemand gescheitert ist, weil er nur A2 erreicht”, betonte ein Ministeriumssprecher. Auch das man könne man als “einen Erfolg” werten und sich außerdem damit schon “ganz gut verständigen”. Seit 2015, als besonders viele Asylsuchende nach Deutschland kamen, setzten sich laut Ministerium die Integrationskurse anders zusammen. Mehr Teilnehmer seien inzwischen bildungsferner, manche hätten in ihren Herkunftsländern nie eine öffentliche Schule besucht. Bis dahin hätten mehr Zuwanderer die Integrationskurse erfolgreich mit B1 bestanden – zusammengezählt blieben die Quoten für A2 und B1 jedoch auf einem ähnlichen Niveau.

Eine weitere Hürde für das Lernen der Sprache stellen psychische Erkrankungen dar. Im Januar hatte eine Bamf-Studie ergeben, dass Flüchtlinge ein – im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt – höheres Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen und depressive Erkrankungen haben. Davon betroffen sind demnach vor allem Frauen, ältere Flüchtlinge und Menschen aus Afghanistan. Die Ursachen dafür liegen mitunter in traumatischen Fluchterfahrungen.

Aktuell drängen die Integrationsminister der Länder darauf, dass Kurse in Modulen aufgebaut und besser aufeinander abgestimmt werden sollten. Außerdem müsse es mehr Lernstunden für Migranten mit geringem Bildungsstand geben, hieß es zum Abschluss eines zweitägigen Treffens der Länder-Ressortchefs in Berlin. Die Vorsitzende der Konferenz, die Berliner Senatorin Elke Breitenbach, zeigte sich aber zuversichtlich, dass dies gelingen werde. “Hier gibt es tatsächlich Hoffnung”, sagte die Linken-Politikerin. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, die der CDU angehört, und das Bundesinnenministerium hätten signalisiert, dass am kommenden Mittwoch im Bundeskabinett das Thema Sprachförderung beraten werde.



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