NHL: Leon Draisaitl steht vor dem 100. Scorerpunkt der Eishockeysaison



Einen besseren Zeitpunkt hätte sich Franz Reindl nicht aussuchen können. Der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes ist derzeit zu Gesprächen mit NHL-Vertretern in den USA. Während Reindl mit seinen Verhandlungspartnern in Detroit tafelte, verzauberte sein Landsmann Leon Draisaitl das Publikum beim Spiel der Edmonton Oilers gegen die Los Angeles Kings mit drei Toren.

Immer wieder richteten sich die Blicke der Eishockey-Funktionäre auf die Handys, die Bildschirme und den Star des Abends: einen 23-Jährigen aus Köln. Reindls Fazit des Abends: “Mir hat’s super geschmeckt.”

Reindl hat mit Leon Draisaitls Vater Peter in den Achtzigerjahren in der deutschen Nationalmannschaft gespielt und den Weg von Draisaitl junior schon früh verfolgt. Dass der ein außergewöhnlich guter Stürmer werden würde, deutete sich schon in den U-Nationalmannschaften und in der kanadischen Junioren-Liga an, in die er mit 16 wechselte. “Doch dass die Kurve so steil nach oben gehen würde und Leon auf Weltniveau ein dominierender Spieler wird, das hatte ich nicht erwartet”, räumt Reindl ein.

Deutsche Eishockey-Karrieren sind international eher selten

Viele Eishockey-Karrieren in Deutschland hatten stets etwas Unvollendetes. Die Stars früherer Tage wie Erich Kühnhackl oder Gerd Truntschka hatten kein Interesse, in der NHL – der besten Liga der Welt – zu spielen. Uwe Krupp gewann zwar zweimal den Stanley Cup, die höchste Trophäe, allerdings in einer klar definierten Rolle als rustikaler Verteidiger.

Und selbst Marco Sturm, seit dem von ihm als Bundestrainer verantworteten zweiten Platz im Olympia-Turnier 2018 Deutschlands Eis-Heiliger, stellte als NHL-Spieler nicht mehr als gehobene Mittelklasse dar. Aus seiner besten Saison ging er mit 56 Scorerpunkten in 80 Spielen, Leon Draisaitl steht aktuell nach 76 Partien bei 99 Punkten. Möglich ist, dass er in der Nacht zum Freitag seinen 100. Punkt einfährt.

Mehr Tore als Draisaitl (46) hat nur der russische Weltstar Alexander Owetschkin (49) erzielt, und in der Gesamtwertung aus Treffern und Torvorlagen ist der Deutsche Vierter. Im Laufe der nächsten Saison wird er – Verletzungsfreiheit vorausgesetzt – schon so viele NHL-Spiele bestritten haben (über 400), dass er nach der Karriere Rentenansprüche an die Liga geltend machen kann. Aber mit seinem 2017 abgeschlossenen Achtjahresvertrag über ein Gesamtvolumen von 68 Millionen Dollar hat er ohnehin ausgesorgt.

“Leon hat sich in allem verbessert”

Kritik ist kaum noch zu vernehmen an Draisaitl. Zu Beginn seiner Profilaufbahn hieß es noch, er profitiere von Namen seines Vaters und davon, dass dieser ihn geschickt bei den Scouts und Klubs platziert habe. Im ersten NHL-Jahr, 2014/15, wurde Leon Draisaitl bei den Edmonton Oilers degradiert und zu den Junioren geschickt. War er doch nicht das großartigste deutsche Talent? Und noch bis in diese Saison hinein merkten Statistik-Nerds an, dass Draisaitl seine Scoring-Bilanzen vor allem der noch größeren Qualität seines Sturmpartners Connor McDavid, 22, zu verdanken habe.


Draisaitl im Duell mit Matt Duchene von den Columbus Blue Jackets


Jason Franson DPA

Draisaitl im Duell mit Matt Duchene von den Columbus Blue Jackets

Eishockey-Praktiker Franz Reindl sieht das nicht so, sondern registriert eine stetige Entwicklung: “Leon hat sich in allem verbessert: im Schuss, im Blick für den Augenblick, in seinen Bewegungen. Wie er zur Mitte zieht, das ist hochgefährlich für den Gegner.” Das möge leicht aussehen, “dahinter steckt aber harte Arbeit”.

In den Sommern bereitet sich Draisaitl in Köln auf die neue NHL-Saison vor. Er betreibt sein Athletik-Training in “intelligenter Kleidung”, ein Shirt misst seine Kraft- und Beweglichkeitsübungen, die Daten werden in Echtzeit ausgewertet. Auf dem Eis arbeitete er mit einem Privattrainer: Thomas Brandl, Mitte der 90er Jahre der beste deutsche Eishockeyspieler. Draisaitl hat ein ähnliches Programm wie Basketballstar Dirk Nowitzki, der unter seinem Entdecker und Mentor Holger Geschwindner immer wieder die Basics verfeinert.

Schon der Vater erntete Berühmtheit

Doch anders als bei Nowitzki kommt bei Draisaitl die familiäre Vorprägung dazu. Vater Peter war weit über Eishockeykreise hinaus bekannt: Als Spieler bestritt er das Olympia-Viertelfinale 1992 gegen Kanada, die deutsche Mannschaft war der Sensation nahe, es ging ins Penaltyschießen. Peter Draisaitl brachte den Puck zwar am kanadischen Torhüter vorbei, doch die Scheibe blieb auf der Linie liegen. Deutschland schied aus. Es war der berühmteste Fehlschuss der deutschen Eishockeygeschichte – vor dem größten Fernsehpublikum: 9,99 Millionen schauten zu. Viele, weil 20 Uhr war und sie zur Tagesschau eingeschaltet hatten, deren Beginn sich verzögerte. Nun lernten sie Draisaitl kennen.

Der junge Draisaitl und seine Tore wurden am Mittwoch in den ZDF-Nachrichten gezeigt. Er wird zur Marke. Ein neuer deutscher Sportstar. Auch wenn man wenig über ihn als Typen weiß. 2016 war er im “Aktuellen Sportstudio”. Verbindlich, aber keine Plaudertasche. Moderator Sven Voss war irritiert, als er Draisaitl auf den damals Besten der Welt, den Kanadier Sydney Crosby, als Vorbild festlegen wollte, sein Gast aber beharrlich den bei Weitem nicht so bekannten Russen Pawel Dazjuk nannte. Das Gespräch kam nicht richtig in Gang. Doch Draisaitl drängt es auch gar nicht zur öffentlichen Darstellung, ein Prädikat wie “German Gretzky” empfindet er als befremdlich.

Mit dem Original-Gretzky erlebte Edmonton seine größte Zeit. Mit McDavid/Draisaitl soll es so werden, wie es in den Achtzigerjahren war. Doch wie es aussieht, werden die Oilers erneut die Playoffs verpassen und ab 7. April in Urlaub gehen. Trotzdem, so hat Franz Reindl es bei seiner Nordamerika-Visite festgestellt, herrsche in Edmonton keine Tristesse: “Leon hat es in den vergangenen Wochen geschafft, den Blick der Fans weg von der Gesamtsituation zu lenken. Sie feiern eben ihn.”

Günter Klein ist Chefreporter des “Münchner Merkur” und begleitet das Eishockey seit mehreren Jahrzehnten.



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