Deutschland vs Niederlande: Der zarte Beginn einer besseren Zukunft



Erkenntnis des Spiels: Die deutsche Fußballnationalmannschaft kann doch noch ein Pflichtspiel gewinnen. Auch wenn der Last-minute-Erfolg gegen die Niederlande am Sonntag in der EM-Qualifikation glücklich daherkam. Für die renovierte Elf von Bundestrainer Joachim Löw war es der erste Sieg in einem Pflichtspiel seit dem spät errungenen 2:1 gegen Schweden in der WM-Vorrunde 2018 – also seit neun Monaten. In den Niederlanden gewonnen wurde zuletzt vor 23 Jahren. Der knappe Erfolg von Amsterdam vom Sonntag war trotz der Schwächen in der zweiten Halbzeit womöglich der zarte Beginn einer besseren Zukunft. “So ein Sieg wird uns helfen im weiteren Prozess”, sagte Löw.

Das Ergebnis: 3:2 (2:0) für Deutschland. Hier geht es zum Spielbericht.

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Deutscher Sieg gegen Niederlande:
Umbruch gegen Umbruch

Erste Hälfte, ein ligter Moment: Löw hatte vor dem Spiel gefordert, dass seine junge Elf emotional spielen soll. Die vornehmliche deutsche Emotion in Halbzeit eins lautete: Freude. Bei den Niederländern hieß sie Ärger. Nach einer Vorlage von Nico Schulz stolperte der viel gelobte Oranje-Innenverteidiger Matthijs de Ligt und plumpste auf den Rasen. Leroy Sané nutzte das zum 0:1 (15. Minute). Ein ligter Moment. Danach zeigte Antonio Rüdiger, dass er Mats Hummels und Jérôme Boateng zur Not auch beide gleichzeitig ersetzen will. Mit einem Hummels-Boateng-Gedächtnispass setzte der Innenverteidiger Serge Gnabry in Szene. Der Münchner ließ dann Hollands Starverteidiger Virgil van Dijk aussehen, als wäre er Boateng an schlechten Tagen, und schoss ein Traumtor in den Winkel: 0:2 (34.). Gnabry hat jetzt in seinen sechs Länderspielen fünf Tore erzielt – eine Traumquote.

Neuer und der Titan: Manuel Neuer bestritt sein 86. Länderspiel und hat damit einen Titanen eingeholt: Oliver Kahn. Früher hat man mal gedacht, es werde in Deutschland niemals einen besseren Torwart als Kahn geben. Dann kam Neuer – und Kahn schrumpfte neben ihm. Doch auch Neuer ist zuletzt arg auf Normalgröße geschrumpft, weil Marc-André ter Stegens Leistungen plötzlich größer erschienen. Gegen die Niederlande durfte Neuer endlich mal wieder groß rauskommen: Einmal parierte er wie in alten Tagen gegen Ryan Babel (25.). Und dann schoss ihn Babel auch noch aus vier Metern dankenswerterweise an, was Neuer schon wieder wie einen Titanen aussehen ließ.

Zweite Hälfte, sie nannten ihn Memphis: Einen ligten Moment gab es auch in Halbzeit zwei – und das schon kurz nach Wiederanpfiff. Matthijs de Ligt köpfte zum 1:2 ein (48.), nach Flanke von Memphis Depay. Von 21 Toren unter Bondscoach Ronald Koeman war Memphis an zwölf direkt beteiligt. Nummer 13 folgte prompt: Die deutsche Elf ließ sich immer tiefer in die Defensive drücken, dort schloss Memphis aus dem Getümmel ab. Neuer blieb machtlos. 2:2-Ausgleich (63.). Deutschland hat nun insgesamt 71 Gegentore gegen die Niederlande kassiert. Gegen keine Nation gab es mehr.

Die Schulz-Story: Als es eher nach einem Lucky Punch der Niederländer aussah, schrieb das Spiel kurz vor dem Abpfiff noch die beste Schulz-Story seit dem Kanzlerkandidaten-Porträt von Martin Schulz im SPIEGEL 2017. Der Hoffenheimer Linksverteidiger, der schon in seinem Debüt gegen Peru (2:1) im September spät zum Sieg traf, schob zum 3:2 ein (90.). Und das mit seinem schwächeren, rechten Fuß, der eigentlich nur dazu da ist, dass Schulz nicht auf den Rasen plumpst wie de Ligt.

Das deutsche Bankgeheimnis: Gegen Serbien am Mittwoch drehte das DFB-Team die Partie nach den Einwechslungen von Marco Reus und Leon Goretzka. Reus bereitete das 1:1 von Goretzka vor. Gegen die Niederlande waren erneut deutsche Reservisten maßgeblich am entscheidenden Treffer beteiligt: Reus und Ilkay Gündogan wurden eingewechselt. Gündogan spielte Reus frei, der legte auf Schulz ab: 3:2. Der leichte deutsche Aufschwung aktuell liegt auch an einem speziellen deutschen Bankgeheimnis.


Lucky Punch: Nico Schulz (l.) gelingt in der 90. Minute der Siegtreffer gegen die Niederlande. Joshua Kimmich (r.) jubelt.


EMMANUEL DUNAND / AFP

Lucky Punch: Nico Schulz (l.) gelingt in der 90. Minute der Siegtreffer gegen die Niederlande. Joshua Kimmich (r.) jubelt.

Eine-Halbzeit-Mannschaft: Trotz des späten Sieges und dem damit gelungenen Start in die EM-Qualifikation sollte sich niemand blenden lassen. Das deutsche Team ist derzeit noch eine Eine-Halbzeit-Mannschaft. Wie schon gegen Frankreich im Oktober (1:2), die Niederlande im November (2:2) und zuletzt gegen Serbien am Mittwoch (1:1) konnte Löws Elf nun auch gegen die Niederlande nur eine Halbzeit lang überzeugen. “Wir haben in der zweiten Halbzeit gekämpft, aber spielerisch waren wir nicht mehr auf dem Niveau der ersten Halbzeit”, analysierte später auch Löw. Um 2020 bei der EM wieder richtig konkurrenzfähig sein zu können, muss seine Elf bald wieder eine Zwei-Halbzeiten-Mannschaft werden.

Niederlande – Deutschland 2:3 (0:2)
0:1 Gnabry (15.)
0:2 Sané (34.)
1:2 de Ligt (48.)
2:2 Memphis (63.)
2:3 Schulz (90.)
Niederlande: Cillessen – Dumfries, de Ligt, van Dijk, Blind – de Roon (90. L. de Jong), Wijnaldum, F. de Jong – Promes, Depay, Babel (46. Bergwijn)
Deutschland: Neuer – Süle, Ginter, Rüdiger – Kehrer, Kroos, Kimmich, Schulz – Goretzka (69. Gündogan) – Gnabry (88. Reus), Sané
Gelbe Karten: Blind
Schiedsrichter: Jesús Gil Manzano
Zuschauer: 54.990 in Amsterdam (ausverkauft)



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