Max Kruse von Werder Bremen: Der Letzte seiner Art





Immer wieder hört man, es gäbe keine Typen mehr im Fußball, alle aalglatt. Doch es gibt Ausnahmen. So wie jenen Profi, der zum Training in einem weißen Maserati vorfährt und im Nebenberuf einen Autorennstall betreibt. Der einst oben ohne in einer Schwulenbar gekellnert hat. Der im Verlaufe seiner Karriere 120.000 Euro an Preisgeld gewonnen hat – beim Pokern.

Die Rede ist von Max Kruse. Werder Bremens Kapitän hat sich im Laufe seines Lebens so manche Extravaganz geleistet. Einst vergaß er 75.000 Euro auf dem Rücksitz eines Taxis, was ihm letztlich die Nationalmannschaftskarriere kostete. “Wir brauchen Spieler, die sich ihrer Vorbildrolle bewusst sind”, sagte Bundestrainer Joachim Löw damals.

Bei Werder verzeiht man Kruse, 31 Jahre, solche Eskapaden. Sie wissen, was sie an ihm haben. Derzeit ist er der vielleicht kompletteste Bundesliga-Stürmer – auf jeden Fall aber einer der besten Fußballer. In Bremen kann er aufblühen, weil die Verantwortlichen die gesamte Mannschaft um ihn herum gebaut haben.


Kruse ist auf dem Platz ähnlich extravagant wie abseits davon. “Schwimmende Neuneinhalb” nannte er sich selbst einst. Kruse ist kein klassischer Stürmer, der vorne auf Zuspiele wartet, aber eben doch noch ein halber Stürmer, der gerne Tore schießt. Er schwimmt über das Feld, taucht mal hier, mal dort auf. Er ist ein Drittelmix aus Torjäger, Spielgestalter und Improvisation.

Es brauchte einige Zeit, bis Kruse seine Stärken richtig zu nutzen lernte. Schon zu Beginn seiner Karriere kickte Kruse für Werder. In Bremen und später bei St. Pauli staunten sie über die Pässe des jungen Kruse, schimpften aber über seine fehlende Disziplin. Erst Freiburgs Trainer Christian Streich wusste, wie er Kruse einsetzen muss. Das war in der Saison 2012/2013. Der Jungstar blühte auf als zweiter Stürmer in Streichs 4-4-2-System. In einer ähnlichen Rolle brillierte er bei Gladbach (2013-2015) in Lucien Favres Stürmer-losen 4-4-2-0-System.


Max Kruse und Trainer Christian Streich beim SC Freiburg im Mai 2013


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Max Kruse und Trainer Christian Streich beim SC Freiburg im Mai 2013

Seine Karriere stockte, als er zur Saison 2015/2016 zum VfL Wolfsburg wechselte. Kruse fühlte sich nicht wohl in der VW-Stadt. Zugleich versuchten seine Trainer, ihn in das Korsett des klassischen Stürmers zu zwängen – eine Rolle, die Kruse nicht zusagt. Er braucht Mitspieler, mit denen er kombinieren und die er mit Pässen füttern kann.

Der Wechsel ein Jahr später nach Bremen wirkte erst wie ein Rückschritt. Der talentierte Kruse, der in Wolfsburg noch Champions League gespielt hat, wechselte zu einem Traditionsverein, der in den vergangenen Jahren öfter gegen den Abstieg als um Europa gekämpft hat.

Für Kruse entpuppte sich der vermeintliche Karriereknick schnell als richtige Entscheidung. In Bremen war Kruse nicht einer von vielen guten Spielern, sondern der Star. Werders Verantwortliche trauten sich etwas, was im modernen Profifußball selten geworden ist: Sie forderten nicht etwa, dass Kruse sich in die Mannschaft einfügen müsse, sondern sie bauen die Mannschaft um ihren Starspieler.

Das beginnt bei der Kaderplanung: Nicht nur, dass Werder vor der Saison Kruses Jugendfreund Martin Harnik aus Hannover verpflichtete. Sie stellen ihrem Kapitän zudem Spielertypen an die Seite, die seine Pässe verarbeiten können. Kruses Teamkollegen wissen, dass sie für ihn die Extrameile im Spiel gegen den Ball laufen müssen, damit Kruse bei Ballbesitz seine Stärken ausspielen kann.

Wirkt nicht fit, ist aber richtig gut

Unter Trainer Florian Kohfeldt darf Kruse in seiner Paraderolle spielen: halb Stürmer, halb Zehner, immer dort, wo der Ball ist. Charakteristisch für Kruse ist sein Ausweichen auf den linken Flügel. Von hier aus kann er mit seinem starken linken Fuß Pässe in den Angriff spielen. Kohfeldt hat ein leicht nach links verschobenes System gebaut, auf dass Kruse auf seiner starken Seite ständig Unterstützung erfährt.

Kruse darf sich seine Extrawürste auf und neben dem Platz nur erlauben, wenn seine Leistung stimmt. Entsprechend mürrisch reagierte das Bremer Umfeld, als zu Beginn der Saison seine Leistungen schwankten. Kruse selbst reagierte gereizt, nachdem Gerüchte in Umlauf waren, er sei nicht fit und würde zu oft Nutella zum Frühstück essen.

Wenn Kruse allerdings in Form ist, wissen alle in Bremen, was sie an Kruse haben. Momentan gelingt ihm alles: Er spielt Pässe, die unmöglich erscheinen, schießt Tore aus spitzem Winkel und lässt Gegner reihenweise stehen. In der laufenden Saison steht er bei acht Treffern und acht Torvorlagen.

Das Besondere an Kruse ist, dass es nicht den einen Kruse-Spielzug gibt, nicht den besonderen Kruse-Trick oder das spezielle Kruse-Tor. Er variiert seine Aktionen, zeigt ständig Dinge, die man von ihm noch nicht gesehen hat. Kruse erfindet sich ständig neu, und das macht ihn so einzigartig.

Nicht nur in Bremen fordert man dieser Tage, Kruse solle in die Nationalelf zurückkehren. Die größte Schwäche der DFB-Auswahl war zuletzt die Tatsache, dass die Mannschaft in ihrem endlosen Passfolgen erstarrte. Es gab keinen Spieler, der aus dem Korsett ausbrach. Kruse könnte genau das tun.

Eine Nominierung Kruses bleibt unwahrscheinlich. Sportlich dürfte es sich für Löw nicht lohnen, seine Mannschaft um Kruse herum zu bauen. Im aktuellen 4-3-3-System Löws gäbe es keine ideale Rolle für Kruse.

Für eine Karriere im DFB-Dress war Kruses Art zu unkonventionell. Seine Leistung bei Werder Bremen beweist hingegen: Der Fußball hat auch noch heute Platz für Typen wie ihn.



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