Zeitenwende bei Volkswagen: Tabulos in Wolfsburg


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(Foto: imago/Schöning)

VW-Chef Herbert Diess kämpft an allen Fronten. Und jetzt auch noch gegen den mächtigen Betriebsrat. Es geht um längst überfällige Stellenstreichungen. Es braucht eine Lösung. Was macht eigentlich Peter Hartz?

Tabubruch Nummer 1: “Ebit macht frei.” Gleich mehrfach garnierte VW-Chef Herbert Diess seine Rede vor Hunderten Führungskräften vor ein paar Tagen mit dem Satz, der an das grässliche “Arbeit macht frei” der Nationalsozialisten erinnert. Und das ausgerechnet in Wolfsburg. Ausgerechnet in der Stadt, die vom Hitler-Regime gegründet wurde. Diess entschuldigte sich. Fühlte sich missverstanden. Ihm ging es um Rendite in turbulenten Zeiten. “Ebit” ist eine Gewinngröße – “Earning before Interests and Taxes”. Diess wird es überleben.

Tabubruch Nummer 2: Weil der VW-Lenker konsequent wie kein anderer deutscher Hersteller auf die Elektrifizierung des Autos umschwenkt, bringt Diess vor allem Zulieferer gegen sich auf. Die hatten darauf vertraut, dass Benzin- und Dieselmotoren noch länger gefragt sein werden. Sie fürchten Einbußen. Weil andere deutsche Autobauer, Daimler oder BMW zum Beispiel, ihre Elektrooffensiven mit weniger Nachdruck betreiben, fürchten sie ins Hintertreffen zu geraten. Der Autoverband VDA wird dadurch gespalten. Verlässt Volkswagen das Branchenbündnis, wäre der Schaden für die gesamte deutsche Autoindustrie programmiert. Diess wird es überleben.

Tabubruch Nummer 3: Der VW-Boss provoziert den allmächtigen VW-Betriebsrat, indem er Stellenstreichungen plant. Etliche seiner Vorgänger auf dem VW-Chefsessel ließen Optimierungsprogramme prüfen. Aber an die Werker in Wolfsburg wagte sich keiner von ihnen heran. Diess schon. Allein bei der Marke VW will er bis zu 7000 Stellen abbauen. Der mächtige Betriebsrat schäumt vor Wut. Kein Wunder: Über Jahrzehnte galt vor allem das Wolfsburger Werk als Arbeitsbeschaffungs- aber nicht als Gewinnmaschine. Heute lasten die Folgen des Diesel-Betruges auf dem Konzern – es geht um Milliardensummen.

Schlaue Manager gehen Kulturkämpfen aus dem Weg

Der dritte Tabubruch erscheint kaufmännisch geboten: Dem Konzern steht mit der Umstellung auf Elektroantriebe ein noch größerer Kraftakt bevor, als es der Dieselskandal schon war. Bis Ende 2022 sollen allein 34 Milliarden Euro in die Bereiche Elektromobilität, autonomes Fahren, digitale Vernetzung und neue Mobilitätsangebote fließen. Die Gemeinschaftsunternehmen in China planen dafür in den kommenden Jahren zusätzlich 15 Milliarden Euro ein.

Da dürften die bis zu 7000 Arbeitsplätze, die abgebaut werden sollen, erst der Anfang sein. Ein Elektroauto besteht aus rund einem Viertel weniger Teilen als ein Fahrzeug mit einem Benzin- oder Dieselmotor. Der Vergleich mit der Konkurrenz zeigt die Wolfsburger Achillesverse: VW, Toyota und General Motors liegen mit einer Jahresproduktion von um die zehn Millionen Fahrzeugen nicht sehr deutlich auseinander. Aber: GM beschäftigt dafür gut 170.000 Menschen, Toyota 370.000. Aber Volkswagen rund 665.000 Mitarbeiter – Negativrekord.

Der dritte Tabubruch mag kaufmännisch geboten sein, er kommt aber kulturell einer Palastrevolution gleich. Ob Diess diese überlebt, darf angezweifelt werden. Denn Kulturkampf ist in der Wirtschaft oft der härteste Krieg. Wahre Meister gehen ihm aus dem Wege. Als VW-Patriarch Ferdinand Piech 1993 als Vorstandschef in Wolfsburg antrat, waren Stellenstreichungen auch schon geboten. Weil Piech aber lieber Autos bauen wollte, als sich mit dem Betriebsrat zu zoffen, trat sein Arbeitsdirektor Peter Hartz mit der Vier-Tage-Woche auf den Plan. Dadurch vermied Piech Entlassungen, brachte den Konzern dennoch voran.

Kultur ist mächtig in Unternehmen. Kreativität ist gefragt, aber nicht nur bei trockenen Zahlen und faden Wortspielen. “Culture eats strategy for breakfast”, heißt es zynisch in der Beraterbranche. Man darf gespannt sein, worauf die VW-Kultur zum Mittagessen Hunger hat.



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